Aug 22, 2017

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Türkische Extremisten in der CDU



Mit Kohl und Koran
Der Spiegel 41/1996 [1]

Auf das Berliner CDU-Mitglied Erdan Taskiran, 26, ist immer Verlass. Der junge Türke fehlt bei kaum einer Sitzung seines Ortsverbandes in Kreuzberg. Und wenn Taskiran beim politischen Stammtisch in der Kneipe "Zum Alten Fritz" für "mehr innere Sicherheit" plädiert, nicken die Parteifreunde wohlgefällig.

Mit Fleiß und Einsatzwillen hat es der Techniker Taskiran zum Paradebeispiel für die gelungene Integration ausländischer Mitbürger bei den Christdemokraten gebracht. Vor kurzem erst ist der smarte Aktivist in den Vorstand des Ortsverbandes aufgerückt. Als einziger Türke in Berlin erhielt er ein Delegiertenmandat für den Landesparteitag der CDU.

Schade nur, dass Taskiran eine zweite politische Heimat hat, von der seine Unionsfreunde bislang nichts wussten. Der dynamische Konservative ist Anhänger der Organisation "Milli Görüs". Den Ableger der türkischen Refah-Partei stuft das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinen Jahresberichten regelmäßig als "extremistisch-islamistisch" ein.

Taskiran gehört zur Vorhut radikaler Koranjünger, die ihr neues Parteibuch mit dem Ziel erworben haben, sich die CDU nützlich zu machen. Auch in anderen Städten mit einer großen Zahl türkischer Zuwanderer sind in den vergangenen Monaten die ersten Islamisten bei den Christdemokraten eingetreten.

Fleißig werben die Radikalmoslems für die Partei Helmut Kohls, Disziplin sind sie gewohnt. Stets verhalten sie sich ideologisch unauffällig und bemühen sich zielstrebig um Parteifunktionen.

Für Toleranz und Pluralismus freilich haben die strengen Moslems wenig übrig. Milli Görüs - die Vereinigung der "nationalen Weltsicht" gebietet allein in Deutschland über rund 26 000 Mitglieder - kämpft für die Errichtung einer islamischen Weltordnung.

In ihren Predigten in den Moscheen hetzen Milli-Görüs-Funktionäre gegen Juden als eine "vom Koran verfluchte Nation", sie empören sich über die "Unmoral" der westlichen Gesellschaft und schwärmen von einem autoritären Gottesstaat, der Dieben die Hand abhacken lässt.

Das Programm der nationalreligiösen Missionstruppe verträgt sich zwar nur schlecht mit den Grundsätzen der Union. Nachdem die Islamisten jedoch in den vergangenen Jahren erfolgreich ein Netz von Vereinen, Teestuben und Jugendklubs errichtet haben und so unter den in Deutschland lebenden Türken eine Art Parallelgesellschaft schufen, wollen sie sich jetzt eine parteipolitische Lobby aufbauen.

Dabei folgen sie der Vorgabe der Führungsspitze, die in einem Bürohaus im Kölner Stadtteil Nippes residiert. So empfiehlt der stellvertretende Generalsekretär Hasan Özdogan den Rechtgläubigen unter den knapp zwei Millionen in Deutschland lebenden Türken zunächst, "so bald wie möglich die hiesige Staatsbürgerschaft zu erwerben". Im nächsten Schritt sollten die Kämpfer dann schleunigst "Mitglied einer ordentlichen Partei werden".

Zahlen mag Özdogan nicht nennen, doch er bestätigt, dass seine Leute etwa in Berlin, Köln und Dortmund erfolgreich in die Christenunion eingedrungen sind.

Zur CDU zieht es die moslemischen Extremisten, weil die Partei von Kanzler Kohl noch am ehesten mit ihren konservativen Vorstellungen übereinzustimmen scheint. Für die Union spricht aus Sicht der Milli-Görüs-Leute auch das entschiedene Vorgehen der Bundesregierung gegen die linksnationalistische kurdische Arbeiterpartei PKK.

Die fundamentalistische Mischung aus Religion und Politik verfängt nicht nur bei der wachsenden Zahl arbeitsloser Türken, sondern auch bei ehemaligen Linksintellektuellen und vielen Studenten. Allwöchentlich treffen sich Alt- und Neufundamentalisten vor allem zum Freitagsgebet in Gotteshäusern wie der Mevlana-Moschee in Berlin-Kreuzberg.

Bei ihrem Missionszug in Deutschland profitieren die Refah-Fans von dem Gefühl vieler Türken, in Deutschland nicht mehr erwünscht zu sein. Mit der inneren Rückwendung auf die alte Heimat wächst gerade unter Jugendlichen eine gefährliche Sympathie für fundamentalistische Kräfte, wie auch eine neue Repräsentativumfrage des Bielefelder Jugendforschers Wilhelm Heitmeyer zeigt.

Danach halten 68 Prozent der türkischen Jugendlichen, die oft schon seit ihrer Geburt in der Bundesrepublik leben, eine "starke türkische Nation" eindeutig für wichtiger als eine demokratische Staatsform.

Knapp 70 Prozent der Befragten orientieren sich überwiegend am Wertesystem des Islam, jeder dritte Jugendliche bekundet Sympathie für die Extremisten von Milli Görüs, und jeder vierte zieht zur Durchsetzung politisch-religiöser Ziele auch Gewalt ins Kalkül.

Innerhalb der CDU setzen Vorkämpfer der Milli Görüs einstweilen freilich auf friedliche Wege der Einflussnahme. Mit geduldiger Überzeugungsarbeit will Parteimitglied Taskiran "auch andere Türken für die CDU gewinnen".

Die Christdemokraten sind nur bedingt abwehrbereit. Der Berliner Landesgeschäftsführer Konrad Wilczek etwa hat "von einer Organisation Milli Görüs" noch "nie etwas gehört". Und auch vom Verfassungsschutz kam bislang keine Warnung. Das Kölner Amt könne zu dem Problem leider nichts sagen, erklärt Behördensprecher Hans-Gert Lange: "Die CDU ist für uns schließlich kein Beobachtungsobjekt." Der Spiegel 41/1996 (PDF)

Siehe auch [2] [3]



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